Angstblitze

Angstblitze


Zweieinhalb Wochen sind nun seit der Diagnose vergangen. Die Chemotherapie schlägt gut an, die Ärzte sind zufrieden. Wir haben so etwas wie einen Tagesablauf in dieser Isolation gefunden. Durch die Einnahme von Cortison hat Jill Hunger, großen Hunger. Daher besteht ein ziemlich großer Teil unseres Tages aus Essen. Zwischendurch wird viel Tablet geschaut, gekuschelt und je nach Laune auch gespielt.
Ich werde scheinbar immer sicherer in dem, was ich hier tue: Mein schwer krankes Kind pflegen und betreuen. Ich motiviere Jill zum Schlucken ihrer Tabletten, spritze ihr selber Heparin wegen des Thromboserisikos und versuche ihr Bilder und Worte dafür zu geben, was gerade mit ihr geschieht.


Ich habe das Gefühl immer ein wenig mehr zu verstehen, was sich hinter dem Wort, der Diagnose Leukämie verbirgt. Ich komme mehr und mehr an in meinem neuen Metier.
„Läuft echt gut bei Ihnen Frau F.! Sie können sich wirklich auf die Schulter klopfen!“, würde ich einer potentiellen Klientin vielleicht im Beratungsgespräch rück melden. „Da haben Sie ja schon viel Sicherheit in der neuen und überwältigenden Situation gewinnen können.“


Dann sind da aber die Angstblitze: Sie schlagen ein ohne vorheriges Donnerwetter. Ich möchte am liebsten laut schreien.

Mein Kind stirbt. Mein Herz pocht, mein Körper spannt sich an, das Gedankenkarussel nimmt Fahrt auf : Was, wenn das der Anfang vom Ende ist? Ich werde an ihrem Sarg stehen, sie wird darin liegen. Sie wird sterben. Wenn nicht jetzt, dann danach.

Denn es werden weitere Krebserkrankungen folgen: Wir werden in Krankenhauszimmern dahinsiechen und sterben. Sie wird sterben und ich werde wahnsinnig werden, ihren Verlust nicht verkraften.


Man könnte meinen, diese Angstblitze würden mich hellsichtig machen. So klar habe ich bestimmte Szenarien vor Augen. Szenarien: Es ist nicht unsere Realität. Es ist meine Angst vor Krankheit, Tod und Verlust. Es ist ein Hoffen auf Etwas und ein Ablehnen von etwas Anderem.


Doch es ist, wie es ist. Ziemlich wertfrei und unaufgeregt.
Es ist, wie es ist. Ich atme ein und ich atme aus.

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