Geteiltes Leid

Geteiltes Leid

Ein Nachmittag mit Freunden im Biergarten.

Ein großes Trampolin.

Ein Glas Aperol.

Ein lauter Schrei.

Ein gebrochenes Sprunggelenk.

Ich teile der Krankenschwester in der Notaufnahme mit, dass es sich bei meiner Tochter um ein „onkologisches Kind“ handelt. Jill schluchtst und stellt klar, sie sei kein komisches Kind. Sie sei Jill und vier Jahre alt und ihr Fuß tue weh.

Ich bekomme aus zwei Gründen innerlich relativ schnell die Vollkrise. Der erste Grund liegt in der Vergangenheit.

In jener Notaufnahme begann Anfang 2020 Jills Reise zur Diagnose Blutkrebs. Es wird aber noch weitere 4 Wochen dauern, bis ich mit einem totranken Kind in das Paralleluniversum Kinderonkologie eingesogen werde. Zuvor bekommt meine bereits ewig erkältete Tochter einen Gips. Die Vermutung einer Fraktur im Gelenk steht im Raum. Die Röntgenbilder seien nicht eindeutig.

Ja, so eine Leukämie ist sehr lange sehr uneindeutig.

Im Hier und Jetzt erlebe ich mein Kind in der Notaufnahme, im Rettungswagen, bei Untersuchungen und sehe, wie gewohnt die Dinge für sie sind. Diese Gewohnheit trifft mein Mamaherz völlig unerwartet.

Jill hat keine Angst. Sie wartet geduldig. Sie streckt der Krankenschwester ihren Finger zum Messen der Sauerstoffsättigung entgegen. Auch das Röntgen bringt sie nicht sonderlich aus der Fassung. Lediglich der Schmerz und die Angst davor lösen bei meiner Tochter Reaktionen aus, die auch Außenstehenden klar machen, dass dieses Kind bereits Einiges aushalten musste.

Währenddessen beobachte ich mich.

Ich kann es nicht mehr ertragen dieses Kind vor Schmerzen schreien zu hören. Als Fachfrau erkenne ich, wie ich gekonnt aus der Situation dissoziere. Mich abspalte. Spannend findet das die Sozialpädagogin in mir.

Ich kann es nicht mehr ertragen.

Genau das war mein Alltag. Lange. Isoliert. Alleine.

Mein Kind durch schmerzhafte Behandlungen und unangenehme Untersuchungen führen. Teilweise mehrfach täglich.

Sicherheit geben. Den Schmerz, das Geschrei, das Ausgeliefertsein halten und gleichzeitig Mut, Zuversicht und Liebe geben. Kindgerechten Alltag auf einer Krebsstation zaubern. Traumasensible Verarbeitungsangebote dem eigenen Kind darbieten. Aus diesen bizarren Inszenierungen bestand mein (fucking) Alltag.

Dieses Geschrei in der Notaufnahme triggerte mich im Hier und Jetzt so heftig. Meine Gedanken kreisen.

Es muss aufhören. Ich muss hier weg. Ich schaffe das nicht. Ich mach hier nicht mit. Ich will das hier alles nicht.

Denn danach fragte mich in der Vergangenheit keiner. Ob wir den Krebs wollen oder ob wir das schaffen.

Das macht einen Teil in mir unfassbar wütend. Es gibt für mich wenig Schlimmeres als Ausgeliefertsein, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es war spannend zu beobachten, wie sich an jenem Nachmittag vor ein paar Tagen Raum und Zeit ganz eigene Bezugspunkte setzten. Von außen für andere kaum sichtbar.

Wie gut, dass es sich im Hier und Jetzt um eine Verletzung am Sprunggelenk handelt. In wenigen Wochen wird davon keine Rede mehr sein.

Wie gut, dass ich meine inneren Verletzungen so deutlich gesehen habe und weiß, dass auch deren Zeit der Heilung kommen wird, wenn es soweit ist.

Adieu Krebs! Hallo Delfin!

Adieu Krebs! Hallo Delfin!

Über Veränderung und Sichtweisen.

Krebs, Krebs, Krebs. Ein Wort, das im vergangenen Jahr mit voller Wucht in unser Leben schlug. Und es kam nicht allein. Es brachte andere Wörter mit, die nicht weniger bedeutsame Schatten voraus werfen sollten: Chemotherapie, Mukositis, Lumbalpunktion beispielsweise.

Schaue ich vom jetzigen Zeitpunkt auf mein damaliges Ich, kann ich kaum glauben wie naiv, entrückt und überfordert ich war. Ich hatte keine Ahnung.

Mein altes Leben lag lediglich einen Wimpernschlag zurück. Unsere Vorstellung in der Kinderkrebsliga hatte gerade erst begonnen. Hat man einmal sein Ticket gelöst, gibt es kein zurück. Ein Dauerabonnement ohne Möglichkeit des Widerrufs oder Kündigung. Wie vielschichtig es ist, sich mit diesen Folgen zu arrangieren, das stelle ich aktuell immer häufiger fest.

Meine Tochter während ihrer Krebserkrankung in Zeiten von Corona zu begleiten, hat mich wachsen lassen. Ich bin weicher geworden, Themen betreffend, bei denen ich vorher ganz klar war. Und ich bin härter geworden, bei Themen, denen ich früher mit Leichtigkeit begegnet bin.

Jetzt ist es an der Zeit mich selber wieder kennenzulernen und einen Zugang zu mir als Mutter, Frau, Freundin und Partnerin zu finden. Diese Aufgabe sehe ich mittlerweile überwiegend als Geschenk. Als Chance getroffene Lebensentscheidungen zu prüfen und andere Entscheidungen zu treffen, die jetzt besser zu mir passen. Was nicht unbedingt heißt, dass das leicht von der Hand geht.

Im Moment zu leben scheint zugegeben eine ausgelutschte Floskel zu sein. Für mich ist es aktuell mehr als das. Diese Einstellung bereichert mich und schenkt mir Freiheit. Denn wir wissen alle tatsächlich nicht, was später ist. Keiner weiß, wann sich unsere Bedingungen derart verändern, dass wir Leben und Alltag nicht mehr so gestalten können, wie wir es möchten, weil Alter, Krankheit oder Tod die Bühne betreten. Wir haben das erfahren. Schonungslos, mit Wucht und ohne Weichzeichner.

16 Monate Blutkrebs.

Mittlerweile kehrt eine Art Alltag ein, eine Normalität, die ich mir zu beginn der Behandlung nicht vorstellen konnte. Jede Woche haben wir einen Termin in der kinderonkologischen Tagesklinik. Jeden Tag bekommt Jill ihre Chemotherapie in Form von Tabletten und Saft. Jeden Tag wachsen ihre Haare ein Stück länger, ihre Muskulatur wird kräftiger, die Bewegungsabläufe werden routinierter. Jeden Tag rückt das Leben in der Extremsituation Kinderkrebsstation etwas in die Vergangenheit. Man sieht Jill die Erkrankung immer weniger an. Das ist manchmal Fluch und Segen zugleich. Denn dieser Alltag kostet mich hin und wieder mehr Kraft, als ich mir eingestehe. Der Abgrund ist einfach noch zu nah. Auch da habe ich die klarste Lehrmeisterin vor meiner Nase: Jills Alltag ist Freude und Leichtigkeit, voller Vertrauen und wilden Ideen einer Vierjährigen. Außerdem ist sie seit einigen Wochen stolzes Delfinkind. Sie besucht den Kindergarten. Ein Meilenstein für uns alle.

Letzten Freitag war Jill sichtlich erstaunt, als sie von meheren Mitarbeitenden der Kinderklinik angesprochen wurde.

„Warum kennen die alle meinen Namen oder winken, Mama?“, wollte sie wissen. Naja, wir waren halt sehr lange sehr oft da und haben sehr oft auf verschiedenen Stationen geschlafen, habe ich ihr erklärt.

Jill verdrehte die Augen und schnaufte angestrengt: „Das ist doch eeeewig her! Ich bin doch jetzt ein Delfinkind.“