Geteiltes Leid

Geteiltes Leid

Ein Nachmittag mit Freunden im Biergarten.

Ein großes Trampolin.

Ein Glas Aperol.

Ein lauter Schrei.

Ein gebrochenes Sprunggelenk.

Ich teile der Krankenschwester in der Notaufnahme mit, dass es sich bei meiner Tochter um ein „onkologisches Kind“ handelt. Jill schluchtst und stellt klar, sie sei kein komisches Kind. Sie sei Jill und vier Jahre alt und ihr Fuß tue weh.

Ich bekomme aus zwei Gründen innerlich relativ schnell die Vollkrise. Der erste Grund liegt in der Vergangenheit.

In jener Notaufnahme begann Anfang 2020 Jills Reise zur Diagnose Blutkrebs. Es wird aber noch weitere 4 Wochen dauern, bis ich mit einem totranken Kind in das Paralleluniversum Kinderonkologie eingesogen werde. Zuvor bekommt meine bereits ewig erkältete Tochter einen Gips. Die Vermutung einer Fraktur im Gelenk steht im Raum. Die Röntgenbilder seien nicht eindeutig.

Ja, so eine Leukämie ist sehr lange sehr uneindeutig.

Im Hier und Jetzt erlebe ich mein Kind in der Notaufnahme, im Rettungswagen, bei Untersuchungen und sehe, wie gewohnt die Dinge für sie sind. Diese Gewohnheit trifft mein Mamaherz völlig unerwartet.

Jill hat keine Angst. Sie wartet geduldig. Sie streckt der Krankenschwester ihren Finger zum Messen der Sauerstoffsättigung entgegen. Auch das Röntgen bringt sie nicht sonderlich aus der Fassung. Lediglich der Schmerz und die Angst davor lösen bei meiner Tochter Reaktionen aus, die auch Außenstehenden klar machen, dass dieses Kind bereits Einiges aushalten musste.

Währenddessen beobachte ich mich.

Ich kann es nicht mehr ertragen dieses Kind vor Schmerzen schreien zu hören. Als Fachfrau erkenne ich, wie ich gekonnt aus der Situation dissoziere. Mich abspalte. Spannend findet das die Sozialpädagogin in mir.

Ich kann es nicht mehr ertragen.

Genau das war mein Alltag. Lange. Isoliert. Alleine.

Mein Kind durch schmerzhafte Behandlungen und unangenehme Untersuchungen führen. Teilweise mehrfach täglich.

Sicherheit geben. Den Schmerz, das Geschrei, das Ausgeliefertsein halten und gleichzeitig Mut, Zuversicht und Liebe geben. Kindgerechten Alltag auf einer Krebsstation zaubern. Traumasensible Verarbeitungsangebote dem eigenen Kind darbieten. Aus diesen bizarren Inszenierungen bestand mein (fucking) Alltag.

Dieses Geschrei in der Notaufnahme triggerte mich im Hier und Jetzt so heftig. Meine Gedanken kreisen.

Es muss aufhören. Ich muss hier weg. Ich schaffe das nicht. Ich mach hier nicht mit. Ich will das hier alles nicht.

Denn danach fragte mich in der Vergangenheit keiner. Ob wir den Krebs wollen oder ob wir das schaffen.

Das macht einen Teil in mir unfassbar wütend. Es gibt für mich wenig Schlimmeres als Ausgeliefertsein, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es war spannend zu beobachten, wie sich an jenem Nachmittag vor ein paar Tagen Raum und Zeit ganz eigene Bezugspunkte setzten. Von außen für andere kaum sichtbar.

Wie gut, dass es sich im Hier und Jetzt um eine Verletzung am Sprunggelenk handelt. In wenigen Wochen wird davon keine Rede mehr sein.

Wie gut, dass ich meine inneren Verletzungen so deutlich gesehen habe und weiß, dass auch deren Zeit der Heilung kommen wird, wenn es soweit ist.

There is beauty in pain.

There is beauty in pain.

Wie ich eine Löwenmama geworden bin.

Anderthalb Jahre nach Diagnose Blutkrebs.

Es ist Sommer und die Locken meiner Tochter kringeln sich vom Toben auf dem Spielplatz.

Eltern mit krebskranken Kindern erkennen in diesem Satz gleich mehrere Besonderheiten: die Locken, das Toben und der Spielplatz.

Ja, das ist der Alltag, den ich mir so herbeigewünscht und um den ich mich so betrogen gefühlt habe. Und gleichzeitig ist es ganz und gar nicht mehr der Alltag, den ich vor der Diagnose kannte und gelebt habe.

Ich erinnere mich an den Abend, die Nacht der Diagnosestellung. Unsere Leben hörten von jetzt auf gleich auf, das zu sein, was sie bis dahin waren. Dass das im Grunde immer so ist und jedem zu jeder Zeit passieren kann, packt man im Alltagstrott sicher weg. Zum Glück.

Denn wenn diese vermeintliche Sicherheit in sich zerfällt, werden Gefühle und Gedanken angesprochen, die kaum auszuhalten sind. Kein Liebeskummer, keine finanziellen Sorgen oder andere belastende Lebensereignisse haben mich so tief erschüttert, wie die Erlebnisse jener Nacht.

Ich sehe mich auf den Fluren der Notaufnahme schluchzend, weinend, flehend und wütend umher tigern beim Warten auf die Ergebnisse des Blutbildes.

Ich suche immer wieder nach treffenden Worten, die annähernd das ausdrücken können, wie mein Innenleben in dieser Situation aussah.

Du, als Elternteil eines kranken Kindes wirst sicher sofort einen Zugang zu meiner Beschreibung haben.

Du, als Mensch ohne krankes Kind hoffst, niemals einen Zugang dazu finden zu müssen

Alles um mich herum ist pechschwarz. Alles wabert. Ich habe das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen verloren zu haben. Nichts macht mehr Sinn. Ich falle, haltlos und kopflos. Dann spüre ich den klirrenden Schmerz, der mit jedem Moment exponentiell anschwillt und letztlich jede Zelle in mir zum Bersten bringt. Mit Wucht und unwiderruflich. Glasklar und eiskalt webt sich die Zerstörung und das Trauma in mein System. Sie sprengt alles und setzt ungeahnte Energien frei.

Ich werde eine Löwenmama.

Ich habe den Auftrag mein Kind durch die Erkrankung und deren Therapie zu begleiten.

Für das abschließende Fazit „Mission completed“ ist es noch zu früh.

Dennoch merke ich, dass ich mehr und mehr in meine Kraft komme. Denn wir haben es geschafft. Wir haben überlebt und dem Leben Fülle gegeben.

Ich habe das Vertrauen nicht verloren und kann mir und meiner Tochter Freiheit schenken.

Trotz allem und gerade deswegen.

Ich bin eine Löwenmama geworden.

Adieu Krebs! Hallo Delfin!

Adieu Krebs! Hallo Delfin!

Über Veränderung und Sichtweisen.

Krebs, Krebs, Krebs. Ein Wort, das im vergangenen Jahr mit voller Wucht in unser Leben schlug. Und es kam nicht allein. Es brachte andere Wörter mit, die nicht weniger bedeutsame Schatten voraus werfen sollten: Chemotherapie, Mukositis, Lumbalpunktion beispielsweise.

Schaue ich vom jetzigen Zeitpunkt auf mein damaliges Ich, kann ich kaum glauben wie naiv, entrückt und überfordert ich war. Ich hatte keine Ahnung.

Mein altes Leben lag lediglich einen Wimpernschlag zurück. Unsere Vorstellung in der Kinderkrebsliga hatte gerade erst begonnen. Hat man einmal sein Ticket gelöst, gibt es kein zurück. Ein Dauerabonnement ohne Möglichkeit des Widerrufs oder Kündigung. Wie vielschichtig es ist, sich mit diesen Folgen zu arrangieren, das stelle ich aktuell immer häufiger fest.

Meine Tochter während ihrer Krebserkrankung in Zeiten von Corona zu begleiten, hat mich wachsen lassen. Ich bin weicher geworden, Themen betreffend, bei denen ich vorher ganz klar war. Und ich bin härter geworden, bei Themen, denen ich früher mit Leichtigkeit begegnet bin.

Jetzt ist es an der Zeit mich selber wieder kennenzulernen und einen Zugang zu mir als Mutter, Frau, Freundin und Partnerin zu finden. Diese Aufgabe sehe ich mittlerweile überwiegend als Geschenk. Als Chance getroffene Lebensentscheidungen zu prüfen und andere Entscheidungen zu treffen, die jetzt besser zu mir passen. Was nicht unbedingt heißt, dass das leicht von der Hand geht.

Im Moment zu leben scheint zugegeben eine ausgelutschte Floskel zu sein. Für mich ist es aktuell mehr als das. Diese Einstellung bereichert mich und schenkt mir Freiheit. Denn wir wissen alle tatsächlich nicht, was später ist. Keiner weiß, wann sich unsere Bedingungen derart verändern, dass wir Leben und Alltag nicht mehr so gestalten können, wie wir es möchten, weil Alter, Krankheit oder Tod die Bühne betreten. Wir haben das erfahren. Schonungslos, mit Wucht und ohne Weichzeichner.

16 Monate Blutkrebs.

Mittlerweile kehrt eine Art Alltag ein, eine Normalität, die ich mir zu beginn der Behandlung nicht vorstellen konnte. Jede Woche haben wir einen Termin in der kinderonkologischen Tagesklinik. Jeden Tag bekommt Jill ihre Chemotherapie in Form von Tabletten und Saft. Jeden Tag wachsen ihre Haare ein Stück länger, ihre Muskulatur wird kräftiger, die Bewegungsabläufe werden routinierter. Jeden Tag rückt das Leben in der Extremsituation Kinderkrebsstation etwas in die Vergangenheit. Man sieht Jill die Erkrankung immer weniger an. Das ist manchmal Fluch und Segen zugleich. Denn dieser Alltag kostet mich hin und wieder mehr Kraft, als ich mir eingestehe. Der Abgrund ist einfach noch zu nah. Auch da habe ich die klarste Lehrmeisterin vor meiner Nase: Jills Alltag ist Freude und Leichtigkeit, voller Vertrauen und wilden Ideen einer Vierjährigen. Außerdem ist sie seit einigen Wochen stolzes Delfinkind. Sie besucht den Kindergarten. Ein Meilenstein für uns alle.

Letzten Freitag war Jill sichtlich erstaunt, als sie von meheren Mitarbeitenden der Kinderklinik angesprochen wurde.

„Warum kennen die alle meinen Namen oder winken, Mama?“, wollte sie wissen. Naja, wir waren halt sehr lange sehr oft da und haben sehr oft auf verschiedenen Stationen geschlafen, habe ich ihr erklärt.

Jill verdrehte die Augen und schnaufte angestrengt: „Das ist doch eeeewig her! Ich bin doch jetzt ein Delfinkind.“

Ein Rückblick

Ein Rückblick

Morgen ist Heilig Abend. Was habe ich mir letztes Jahr für Gedanken gemacht um uns ein würdiges und kindgerechtes Fest zu bereiten.

Jill und ich haben gemeinsam für die Tiere im Wald Plätzchen aus Kernen, Nüssen und Fett hergestellt. Bevor es dunkel wurde, haben wir bei einem Spaziergang die Plätzchen verteilt, sodass auch die Tiere im Wald ihre Bescherung erleben dürfen und sich mit vollgefuttertem Bauch zur Ruhe legen konnten.

Im Anschluss wartete zuhause der bunt geschmückte Baum, unter dem funkelnde Geschenke lagen, auf strahlende Kinderaugen.

Ich erinnere mich an Jills wuselige Lockenpracht, die ich zu Weihnachten sogar in so etwas ähnliches wie eine gekämmte Frisur formen durfte.

Ich erinnere mich auch an eine sehr blasse Jill, die ständig Augenringe hatte und sich von einem Infekt zum anderen handelte. Ich war froh, dass sie Weihnachten relativ fit war. Doch das war bereits die Vorhut, die Vorboten. Im Körper meiner kleinen Tochter wurden bereits ernste Kämpfe ausgetragen. Ganz unbemerkt breitet sich der Krebs in ihr aus. Es wird noch sieben Wochen dauern, bis die Diagnose gestellt werden wird. Viel mehr Zeit wäre auch nicht geblieben, denn Jills Blutzellen bestanden zu fast hundert Prozent aus Krebszellen. Unvorstellbar, unfassbar – noch immer.

Jetzt liegt Jill schnarchend neben mir, nach einem aufregenden Tag in ihrer Spielgruppe, die sie hier auf Reha täglich besucht. Endlich darf Jill wieder Kind sein, mit anderen Kindern spielen und sich als Teil einer Gruppe erleben. Sie ist unglaublich glücklich. Ich bin voller Demut und Dankbarkeit.

Ist jetzt also alles wieder gut? Nein, definitiv nicht.

Jill bekommt noch über ein Jahr täglich Chemotherapie und andere Medikamente.

Ich selbst schaue kopfschüttelnd und fassungslos auf 2020. Für viele Situationen gibt es keine Worte, um zu beschreiben, wie überfordert, ausgeliefert oder panisch ich als Mutter eines krebskranken Kindes war. In mir ist so viel Schmerz, Wut und Trauer. Gefühle, denen ich im neuen Jahr Beachtung schenken möchte.

Morgen ist Heilig Abend. Ich bin unfassbar dankbar, dass ich ihn mit meiner Tochter feiern kann.

Ich bin voller Dankbarkeit für jede Unterstützung, die uns auf unserem Weg erreicht hat.

In der dunkelsten Stunde der Nacht, leuchtet das Licht der Hoffnung, Freundschaft und Liebe tatsächlich am Hellsten.

Danke.

Und Danke 2020, dass du jetzt fast vorbei bist! Ich hätte dich auch nicht viel länger ausgefahren.

Ehrliche Worte: Hinter den Kulissen

Ehrliche Worte: Hinter den Kulissen

Es gibt Momente, in denen ich fassungslos vor meiner Realität stehe. Da gibt es Tage, an denen ich denke, dass der Regisseur meines Lebens entweder mit dem neuen ‚Twist‘ maßlos übertreibt oder vergessen hat mir in Wirklichkeit Superkräfte freizuschalten.

Ich höre fast die Stimmen aus dem „Off“: Das kann doch nicht wahr sein! Das gibt es doch gar nicht. So viel auf einmal kann gar nicht zusammen kommen.

Doch, das gibt es. Doch, das geht. Folge mir gerne in mein imaginäres Erdloch, in das ich mich gerne verkriechen möchte. Vor dessen Eingang ich einen riesengroßen, orangenen Kürbis stelle, auf das mich niemand findet oder mich zumindest jeder mit schlechten Neuigkeiten oder verletzenden Worten in Ruhe lässt.

Ich kann jene Hiobs-Momente tatsächlich kaum mehr aushalten. Es schnürt mir die Kehle zu, Tränen der Sorge, Wut oder Traurigkeit fließen lautlos über meine Wangen, ein Potpourri an Schimpfwörtern seuselt durch meinen Kopf und gäbe sicher eine solide Grundlage für einen Deutschrapsong.

Ich schaue aber nicht in die Augen einer aufgeheizten, verschwitzten Hiphop Crowd, die auf die nächste tighte Bühnenperformance wartet, sondern in die dunklen Augen meiner Tochter, deren Wimpern und Augenbrauen immer feiner werden.

Was habe ich für eine Wahl?! Ich kann nicht aussteigen, mir frei nehmen oder mich ein bisschen raus nehmen aus dieser ganzen Scheiße. Ich kann lediglich weiter gehen.

Die bedingungslose Liebe zu meinem Kind ist der Motor meines Alltags. Nie habe ich mich zugleich so kraftvoll und so unfassbar verletzlich gefühlt wie in den letzten Monaten.

Ich weine in der Nacht, weil ich Verantwortung dafür trage, dass Jill freudvoll und angstfrei durch ihren Tag gehen kann.

Und manchmal sitzt ein innerer Teil von mir bereits tagsüber im imaginären Erdloch, dessen Eingang ein riesengroßer, orangefarbener Kürbis verdeckt.

Lass es vorüber gehen. Lass es gut werden. Lass mich weiter gehen.

Go with the flow

Go with the flow

Es ist wirklich so, wie es ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Nie hätte ich gedacht, dass es meine Aufgabe sein wird meine dreijährige Tochter durch eine Chemotherapie zu begleiten. Was genau das beinhaltet und nach sich zieht, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne unabhängig Entscheidungen treffe und mit wenig mehr hardere als Frendbestimmung zu erfahren. Deswegen war es anfangs für mich wirklich schwierig, im engen Korsett des Klinikalltags meinen Platz zu finden und trotzdem meine Werte im Umgang mit mir und meinem Kind nicht zu verraten.

Einmal mehr konnte ich spüren, dass mir steile Hierarchien, feste Abläufe und enge Regeln keine Sicherheit oder Orientierung geben, sondern meinen inneren, bedürfnisorientierten Freigeist in Aufruhr versetzen.

Nun ist es aber so, dass auch meine Ressourcen sinnvoll genutzt werden müssen. Schließlich befinde ich mich aktuell nicht im Energieüberschuss.

Die Konsequenz daraus ist, dass ich lerne, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Dann kann ich jene Situationen angehen, die unmittelbar anstehen: Verdachtsdiagnosen aushalten, Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen der Chemotherapie auffangen, hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Wenn es mir gelingt den Moment zu sehen, dann erlebe ich innere Freiheit und lade dadurch meine Akkus wieder auf. Wie und ob ich Situationen bewerte oder durch welchen Filter ich diese sehe, bleibt ganz mir überlassen. Das nenne ich mal selbstbestimmt!

Sechs Monate Blutkrebs

Sechs Monate Blutkrebs

Sechs Monate Alltag im Ausnahmezustand sind nicht immer inspirierend oder lehrreich. Während eines halben Jahres geht der Alltag von nicht Betroffenen weiter. Die Nachricht, dass Jill an Krebs erkrankt ist, rückt in die Vergangenheit.

Für mich und meinen Alltag bedeutet die Diagnose einen unfassbar tiefen Einschnitt in sämtliche Lebensbereiche. Dieser Einschnitt vergeht nicht. Klar haben wir uns arrangiert, Wissen angehäuft und Strategien erworben, um nicht völlig wahnsinnig zu werden.

Dennoch ist es unnatürlich und traurig zu sehen, was Jills kleiner Körper leisten muss. Oft fühle ich mich hilflos. In meinem Körper gibt es keine Krebszellen. Ich bin sowohl emotional als auch körperlich so nah an der Therapie meiner Tochter dran, dass es sich manchmal wie eine Generalprobe für eine potentiell eigene Krebsbehandlung anfühlt. Trockenschwimmen oder Trockenchemo für mich.

Aktuell befindet sich Jill in einer Therapiephase, die sehr intensiv ist. Die vergangenen Monate und die Medikation sind Jill deutlich anzusehen und anzumerken. Ein aktives, freudvolles krebskrankes Kind ist einfacher zu begleiten als ein erschöpftes, aufgeschwämmtes.

Die Fahrgeschäfte meiner inneren Gedankenkarusselle bekommen dann und wann einen Zuwachs an Attraktionen. Relativ neu ist eine Art Gruselkabinett: Bei völliger Dunkelheit und Stille wird der Besucher unverhofft von knochigen, kalten Fingern an der Taille berührt. „Schau her!“, haucht eine grässlich Stimme. Es laufen kurze Videosequenzen von den Schlimmsten Dingen ab, die gerade vorstellbar aber unausgesprochen sind.

Zum Glück brauche ich dann im Bett nur meine Hand ausstrecken und spüre Jills Wärme. „Mama, kuscheln!“, höre ich gerade sehr oft. Da hüpft mein Herz und verbindet sich mit diesem kleinen Menschlein, das sowieso viel lieber Kinderkarussell fahren und Biene Maja Eis essen würde, als sich mit so Gruselquatsch zu beschäftigen.

Mama, habe ich Leukämie?

Mama, habe ich Leukämie?

Ich war gerade dabei Jill ein Bad einzulassen. Abends schläft sie momentan schlecht ein. Das warme Wasser und dar Badezusatz mit Lavendelöl sollten heute meine Komplizen für den Nachtschlaf werden.

Ich befülle die Badewanne mit Jills wichtigem Playmobil Hab und Gut, für die Tiefsee Abenteuer und kontrolliere die Wassertemperatur. Jill stapft ins Badezimmer. „Mama, habe ich Leukämie?“.

Etwas verdattert stammel ich: „Ja, du hast Leukämie.“ Jill nickt. „Ja, das stimmt.“, pflichtet sie mir bei.

Diese kurze Szene berührt mich im Nachgang sehr.

Wer Jill kennt, weiß, sie redet fast ununterbrochen. Natürlich habe ich ihr bereits kurz nach der Diagnose von ihrer Krankheit erzählt und sprachliche Bilder für sie entstehen lassen. Diese sollen ihr helfen zu verstehen, was in ihrem Körper und mit ihr geschieht.

Mittlerweile haben wir eine sehr präzise Storyline mit einer Hand voll Hauptcharakteren, die je nach Bedarf um den ein oder anderen Sidekick erweitert werden.

Der Chemokasper frisst die bösen Blutzellen auf und verwechselt diese aufgrund seiner Sehschwäche manchmal mit Haarzellen. Deswegen fallen die Haare nämlich auch aus. Alles geklärt, also kein Grund zur Sorge.

Die Heilefee wohnt bei Freunden im Garten in einem Baumhaus. Dort braut sie auch Zaubertränke, die kranke Kinder gesund machen. Manchmal braucht sie als Zutat für diesen Drink goldene Locken. Gut, wenn man zufällig solche übrig hat.

Die Heilefee kommt außerdem auch bei den Kindern im Krankenhaus vorbei, die beim Schlafen den Leuchtefinger (Pulsoximeter) tragen. Das rote Licht zeigt der Fee den Weg, sodass sie bei allen Kindern mal nach dem Rechten schauen kann.

Die Traumfee ist dafür zuständig, dass die Kinder auch tagsüber einschlafen können, wenn eine wichtige Untersuchung im Krankenhaus vorgenommen wird. Die Kinder wünschen sich bei ihr einen Traum, den die Traumfee pünktlich vorbei bringt. Jill bleibt inhaltlich gern bei Altbewährtem: Spielen mit dem Benni-Hund. Dieser ist nämlich schwarz, hat Locken und rennt liebend gern seinem angeschleckerten Bällchen nach.

Am Anfang von Jills Behandlung hat sie übrigens auch eine Zauberkapsel (Port) unter ihre Haut am Schlüsselbein geschenkt bekommen. Durch diese Zauberkapsel kommt der Chemokasper in ihren Körper. Dieser Kasper ist bekanntlich so klein, dass man ihn mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Sicher ist aber, dass er sich in der Infusion befindet und sich durch den „Schlauchie“ in die Zauberkapsel schlängelt.

Wird Jill die Angst zu viel, setzen wir ihr einen Partyhut auf, cremen dieses blöde Gefühl mit Sonnencreme ein oder ziehen der Angst eine Windel an. Manchmal setzen wir sie auch einfach unterwegs irgendwo hin und befehlen ihr, dort sitzen zu bleiben. Natürlich holen wir die Angst im Nachgang wieder ab, denn grundsätzlich ist sie ja ziemlich nützlich.

Ach Jill.

Ja du hast Leukämie. Und wenn diese Worte so unverhofft aus deinem Mund heraus kommen, hört sich das ganz und gar nicht zauberhaft an.

Mittendrin

Mittendrin

Auf halber Strecke.

Es ist bereits Einiges geschafft, darüber bin ich sehr froh. Jills Therapie schlägt gut an, es gab bisher wenig Komplikationen. Wenn das kein Grund zur Freude ist?! Ich schaue auf die vergangen Wochen und fühle sofort unendliche Dankbarkeit. Dankbarkeit für die vorangeschrittene Forschung, für die unmittelbare, hochqualifizierte und kostenlose medizinische Behandlung. Ich bin dankbar über jeden Einzelnen guten Wunsch und liebevollen Gedanken von uns nahestehenden und auch völlig fremden Personen. Wir wurden beschenkt mit unkomplizierter finanziellen Unterstützung von vielen Menschen. Diese Hilfe entlastet meinen Alltag sehr, da sie meine Existenzängste reduzieren. Von Herzen vielen Dank.

Dem Gefühl der Dankbarkeit steht ein anderes, sehr kräftezehrendes Gefühl gegenüber: die Unsicherheit. Wird die Therapie weiterhin erfolgreich sein? Wie wird die nächste Chemotherapie vertragen? Wie ertrage ich den kommenden Klinikaufenthalt, die Fremdbestimmung und das ausgeliefert Sein? Wie wird das nächste Behandlungsprotokoll ablaufen? Wie wird Jill es vertragen? Was tue ich, wenn sich Nebenwirkungen einstellen? Was tue ich, wenn ich irgendwann nicht mehr kann? Wie wird das Ergebnis der nächsten Punktion sein? Wie viele Krebszellen sind noch vorhanden? Weniger als beim letzten Mal? Mehr? Gleich viele? Und wieso ist das so? Wie müsste es stattdessen sein? Wird Jill ein Rezidiv bekommen? Was ist, wenn dem so sein würde? …

Herzlich Willkommen in meinem Gedankenkarussell! Wahrscheinlich ist es eher ein Gedankenjahrmarkt auf dem sich ein Teil von mir täglich vergnügt. Das ist anstrengend, wirklich anstrengend.

Jeder Tag ist immer beides: voller Freude und auch voller Unsicherheiten. Diese Spanne zu leben ist eine Herausforderung.

Und gerade möchte ich meine Situation von Herzen scheiße finden und mir etwas Anderes herbei wünschen.

Vielleicht ist es für uns gerade an der Zeit innerlich eine Rast einzulegen und der Trauer um den Verlust der Normalität Raum zu geben.

Dann können wir unseren Weg weiter gehen und uns dem Stellen, was anliegt. Voller Vertrauen und Dankbarkeit.

Blickwinkel

Blickwinkel

Vor vier Monaten fiel der Satz, der einen Teil von mir schmerzerfüllt ins Bodenlose fallen und einen anderen Teil ungläubig zurück ließ : „Es ist ernst. Ich habe den starken Verdacht, dass Ihre Tochter an Leukämie erkrankt ist.“

Wir wurden in den Strudel des Paralleluniversums Kinderkrebs eingesaugt und Mithilfe von Therapien und Behandlungen fest dort verankert.

Jills Alltag wandelte sich. In einer Krippengruppe gemeinsam mit gleichaltrigen Kindern den Alltag erleben, nachmittags mit Mama rum hängen wurde zu Chemotherapie bekommen, Medikamente einnehmen, Blut abgeben, Blutkonserven erhalten, von Ärztinnen untersucht werden, wochenlang und immer wieder im Krankenhaus sein.

Man könnte wirklich meinen, dass das ganz schrecklich ist. Für mich ist es das definitiv. Denn ich wurde als Mutter um die Illusion einer behüteten Kindheit für meine Tochter betrogen. Dieser Illusion trauere ich gerade ziemlich hinter her, denn es ist nicht die erste von der ich mich mittlerweile verabschieden musste.

Schaue ich aber auf meine dreijährige Tochter, erkenne ich gerade etwas ganz Besonderes: das Verständnis vom Hier und Jetzt ohne starre innere Konzepte und Zukunftssorgen.

Denn ihr Alltag sieht alles andere als trist aus. Es wird gespielt, getobt, gemalt, gesungen und getanzt. Jeden Tag füllt sie ihren Alltag, ihr Leben mit schönen Dingen und ist voller Vertrauen. Meine Tochter ist definitiv glücklich, freudvoll und traurig und trotzig und motzig. So, wie sie sicher ohne Leukämie auch glücklich, freudvoll, trotzig und motzig wäre.

Es ist aus diesem Blickwinkel fast beschämend und anmaßend von mir, dass ich ihr und mir eine andere Realität wünsche. Ich erkenne, dass auch ein Leben mit ernster Erkrankung jeden Moment mit Sinn, Freude, Liebe und Vertrauen gefüllt werden kann. Natürlich auch mit Verzweiflung, Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Aber gilt das nicht für jedes Leben? Unabhängig von Gesundheit und Krankheit? Unterscheidet sich die Einsamkeit und Trauer eines ‚gesunden Menschen‘ von dem eines erkrankten? Unterscheidet sich das Gefühl von bedingungsloser Liebe und Vertrauen von gesunden und kranken Menschen?

Wie anmaßend von mir, der Kindheit meiner Tochter mit ihrer Krebserkrankung weniger Freude oder Wertigkeit zuzuschreiben.

An Jill sehe ich jeden Tag, dass das Bewerten von dem, was man hat oder stattdessen lieber haben möchte, ein hinderliches und starres inneres Konzept ist. Es lenkt die Blickrichtung weg von der Möglichkeit den Moment anzuerkennen wie er ist und ihn mit Leben und Freude zu füllen.

Life is a gift.