Morgen ist Heilig Abend. Was habe ich mir letztes Jahr für Gedanken gemacht um uns ein würdiges und kindgerechtes Fest zu bereiten.
Jill und ich haben gemeinsam für die Tiere im Wald Plätzchen aus Kernen, Nüssen und Fett hergestellt. Bevor es dunkel wurde, haben wir bei einem Spaziergang die Plätzchen verteilt, sodass auch die Tiere im Wald ihre Bescherung erleben dürfen und sich mit vollgefuttertem Bauch zur Ruhe legen konnten.
Im Anschluss wartete zuhause der bunt geschmückte Baum, unter dem funkelnde Geschenke lagen, auf strahlende Kinderaugen.
Ich erinnere mich an Jills wuselige Lockenpracht, die ich zu Weihnachten sogar in so etwas ähnliches wie eine gekämmte Frisur formen durfte.
Ich erinnere mich auch an eine sehr blasse Jill, die ständig Augenringe hatte und sich von einem Infekt zum anderen handelte. Ich war froh, dass sie Weihnachten relativ fit war. Doch das war bereits die Vorhut, die Vorboten. Im Körper meiner kleinen Tochter wurden bereits ernste Kämpfe ausgetragen. Ganz unbemerkt breitet sich der Krebs in ihr aus. Es wird noch sieben Wochen dauern, bis die Diagnose gestellt werden wird. Viel mehr Zeit wäre auch nicht geblieben, denn Jills Blutzellen bestanden zu fast hundert Prozent aus Krebszellen. Unvorstellbar, unfassbar – noch immer.
Jetzt liegt Jill schnarchend neben mir, nach einem aufregenden Tag in ihrer Spielgruppe, die sie hier auf Reha täglich besucht. Endlich darf Jill wieder Kind sein, mit anderen Kindern spielen und sich als Teil einer Gruppe erleben. Sie ist unglaublich glücklich. Ich bin voller Demut und Dankbarkeit.
Ist jetzt also alles wieder gut? Nein, definitiv nicht.
Jill bekommt noch über ein Jahr täglich Chemotherapie und andere Medikamente.
Ich selbst schaue kopfschüttelnd und fassungslos auf 2020. Für viele Situationen gibt es keine Worte, um zu beschreiben, wie überfordert, ausgeliefert oder panisch ich als Mutter eines krebskranken Kindes war. In mir ist so viel Schmerz, Wut und Trauer. Gefühle, denen ich im neuen Jahr Beachtung schenken möchte.
Morgen ist Heilig Abend. Ich bin unfassbar dankbar, dass ich ihn mit meiner Tochter feiern kann.
Ich bin voller Dankbarkeit für jede Unterstützung, die uns auf unserem Weg erreicht hat.
In der dunkelsten Stunde der Nacht, leuchtet das Licht der Hoffnung, Freundschaft und Liebe tatsächlich am Hellsten.
Danke.
Und Danke 2020, dass du jetzt fast vorbei bist! Ich hätte dich auch nicht viel länger ausgefahren.