Dinge, die helfen: der Chemokasper

Dinge, die helfen: der Chemokasper

Unser Helfer und Begleiter

Der Chemokasper ist ein kleines Bilderbuch. Es wird einfach und kindgerecht erklärt, was bei einer Krebserkrankung und der anschließenden Chemotherapie im Körper passiert. Die bösen Krebszellen werden als zackige, griesgrämige Eindringlinge beschrieben, die alle guten und wichtigen Zellen ärgern und verdrängen.

Da kann nur einer helfen: der Chemokasper! Der wohnt nämlich im Krankenhaus und hilft den roten Blutzellen beim Kampf gegen die bösen Krebszellen. Der Chemokasper und seine Freunde fressen die einfach alle auf.

Blöderweise tragen die kleine Helfer Brillen und flitzen auf der Jagd nach den Krebszellen so schnell, dass sie manchmal stolpern. Die Brille fällt von der Nase, sie sehen nicht mehr so gut und fressen dann leider auch Haarzellen auf.

Diese liebevollen und leicht verständlichen Bilder helfen Jill zu verstehen, was mit ihr passiert. Anfangs hat eine Mitarbeiterin vom psychosozialen Dienst Jill das Buch vorgestellt und passende Worte für ihre Verständnismöglichkeiten gefunden.

Ich war in den ersten Tagen nicht in der Lage Jill das Buch vorzulesen und fand es total bizarr, dass wir jetzt überhaupt so ein Buch besitzen.

Mir war aber auch früh klar, dass Jill Worte und Bilder braucht, um die Erlebnisse verarbeiten zu können. Ich wollte Jill die größtmögliche Offenheit bieten mit ihrer Diagnose umgehen zu können.

Also zog der Chemokasper als Verbündeter auch in mein Herz und in meinen Wortschatz ein. Nach einer Weile konnte ich Jill die Geschichte selber vorlesen und war erstaunt, wie selbstverständlich die Existenz eines Chemokaspers für sie wurde.

Bald konnten wir den orangenen Kerl in den Händen halten. Uns wurde ein Kuschelexemplar genäht. Dieses begleitet Jill durch die Therapien und hilft, wenn es mit der Einnahme von Tabletten beispielsweise nicht klappen will.

Ich bin sehr froh, dass der Chemokasper in unseren Familienalltag eingezogen ist. Denn dadurch habe ich die Möglichkeit mit Jill über ihre Erkrankung ins Gespräch zu kommen. Ich konnte ihr erklären, wieso ihr die Haare ausfallen oder es wirklich wichtig ist, die blöden Tabletten zu schlucken.

Der Chemokasper hilft uns und wir helfen dem Chemokasper, damit er alle blöden Krebszellen auffressen kann.

Guten Appetit, lass es dir schmecken.

Neue Vokabeln

Neue Vokabeln

Ich verstehe nur Bahnhof

Erythrozyten, Neutophile, Zelltief, zytotoxisch, Hickman – In meinem Paralleluniversum Kinderkrebsstation existiert ein ganz anderer Wortschatz. Ärzte und Pflegepersonal benutzen diesen so selbstverständlich, dass ich mir anfangs ziemlich blöd vorkomme. Mir wird oft rück gemeldet, dass ich ganz bald selbst Expertin auf dem Gebiet sein werde. Ich frage mich, ob ich das überhaupt möchte.

Um überhaupt ansatzweise verstehen zu können, was im Körper meiner Tochter vor sich geht, entscheide ich mich doch dazu, mir Wissen über Zellteilung, Genetik und Kinderonkologie anzuzeigen. Manchmal fühle ich mich in den Biologieunterricht der Oberstufe zurückversetzt und bin erstaunt, weil sich doch noch relativ viel Wissen reaktivieren lässt.

Information schafft Sicherheit

Als Mama eines krebskranken Kindes kann ich in vielen Situationen gar nichts tun. Das ist total frustrierend. Ich fühle mich sowieso schon schnell fremdbesimmt. Wenn ich schon wenig tun kann, will ich wenigstens verstehen. Ich will verstehen, worüber die Ärzte sprechen oder wie sich die verschiedenen Medikamente im Körper von Jill verhalten.

Also lese ich Studien, Paper und Abstracts, Dissertationen und merke, wie sich nun auch mein Wortschatz erweitert. Ich kann ziemlich bald fundiertes Wissen über die unterschiedlichen Arten von Leukämien vorweisen. Die Auswertung eines Blutbildes ist für mich mittlerweile auch nicht mehr nur eine wirre Zusammenstellung von Zahlen und Referenzbereichen. Ich spritze Jill relativ selbstverständlich Heparin und richte Medikamente.

Es ist unglaublich, wie schnell man sich neue Themengebiete erschließen kann, wenn man die richtige Motivation hat und wenn man muss. Zu Studienzeiten hätte ich mir so einen Flow oft gewünscht.

Es beschleicht mich aber die leise Ahnung, dass ich noch so viele Studien lesen und Fachwissen anhäufen kann, wie ich will. Dafür wird mir niemand Credit Points bestätigen und ich werde trotzdem niemals verstehen können, warum meine Tochter an Leukämie erkranken musste.

Leukämie trifft Pandemie

Leukämie trifft Pandemie

Es wird nicht angenehmer

Wenn das eigne Kind an einer schweren Krankheit leidet, ist das immer eine Herausforderung für Eltern, Freunden und natürlich für das Kind selber. Mit der Diagnose Leukämie wurde mir schnell klar, dass die kommende Zeit von Klinikaufenthalten und besonderen Vorsichtsmaßnahmen geprägt sein wird. Hygiene, Abstand halten und „social distancing“ sind für Krebspatienten und deren Umfeld sicher nicht neu. Das diese Regeln bald aber für ganz Deutschland gelten werden und ich mich in Isolation noch isolierter fühlen würde, hätte ich Mitte Februar 2020 noch lange nicht gedacht.

Jills Therapieplan sah vor, dass wir die ersten sechs Wochen der Therapie stationär in der Universitätskinderklinik verbringen würden. Der Schock über die Diagnose, Ängste und Sorgen sind permanent präsent. Umso dankbarer bin ich, dass ich in den ersten Tagen noch Besuch auf Station empfangen konnte. Freundinnen kamen vorbei, um mir zur Seite zu stehen. Papa André besuchte uns nach der Arbeit, Oma und Opa kamen am Wochenende. Ich hatte die Möglichkeit die Station zu verlassen und floh aus meinem Paralleluniversum Kinderklinik wieder in die „normale Welt“.

Ich genoss es, durch die Innenstadt zu laufen und den Leuten zuzuschauen. Zu sehen, dass das Leben der Anderen einfach weitergeht, gab mir ein Gefühl von Sicherheit und Normalität in dieser für mich so absurden Situation. Die Tasse Kaffee bei Freunden, die Umarmungen, der Trost und das gemeinsame Sein schenkte mir wieder Energie, um die Zeit in der Klinik gut meistern zu können. Doch das sollte sich im März 2020 noch ändern. Der Corona Virus schlich sich immer näher an unseren Alltag heran.

Die Kontaktsperren und Schutzmaßnahmen, die die Bundesregierung zur Eindämmung des Corona Virus im März verhängte, hatten direkte Auswirkungen auf den Alltag in der Kinderklinik. Es durften fortan nur noch die Eltern des zu behandelten Kindes die Station betreten. André und ich arrangierten uns damit. Wir verbrachten die Abende entweder zu dritt mir Jill im Krankenzimmer: gemeinsames Spielen, Essen und Kuscheln oder ich zog noch einmal los, um eine etwas“Normalität“ in der Welt außerhalb der Klinik zu tanken. Nach wenigen Tagen durfte nur noch ein Elternteil beim Kind bleiben, gemeinsames Betreuen war nicht mehr möglich. Die nächste Einschränkung folgte bald: Zwischen zwei Wechseln der Bezugspersonen müssen nun mindestens 24 Stunden liegen. Anfangs durfte der Wechsel noch im Krankenzimmer stattfinden, sodass man eine kurze Übergabe machen konnte. Jetzt sind Wechsel nur noch in der Schleuse möglich.

Dinge, die helfen

Dinge, die helfen

Als Mama ist es meine Aufgabe meinem Kind Sicherheit und Schutz sowie bedingungslose Liebe zu geben. Eine schwere Erkrankung bietet für alle Beteiligten viel Raum für Traumatisierungen. Da ich mir dessen bewusst bin, habe ich von Anfang an versucht Möglichkeiten zu finden, die uns helfen Sicherheit und Selbstbestimmung in unsicheren Zeiten zu finden.

Ich werde nach und nach einige Ideen vorstellen.

Eine Woche nach Diagnosestellung

Eine Woche nach Diagnosestellung

„Ihr Kind hat Leukämie!“ Mein Kind hat Leukämie. Jill hat Leukämie.
Vor einer Woche kam dieses Wort in unser Leben und stellte alles auf den Kopf. Die Welt blieb für einen Moment lang stehen und der ganze Schmerz breitete sich in mir aus. Mein Kind stirbt! Jill stirbt. Das kann alles nicht wahr sein. Ich werde wahnsinnig. Brennender Schmerz, Angst und Verzweiflung. Leukämie – das darf nicht wahr sein.

Eine Woche ist vergangen. Jetzt liegt Jill in ihrem Krankenhausbett und schläft. Heute hat sie ihren Port bekommen. Es war die erste Vollnarkose und ein Tag mit vielen Tränen.
Es wird immer wahrhaftiger. Meine kleine Süßmaus ist schwer erkrankt. Dabei sollst du doch in deiner Pinguingruppe sein, mit deinen Menschis spielen, dich mit mir auf den nahenden Frühling freuen. Ich dachte, das größte Event, das auf uns zu kommt, würde dein dritter Geburtstag im Mai sein. Doch da lag ich weit daneben. Du wirst dieses Jahr kein Kindergartenkind werden, du wirst keinen Abschied aus der Pinguingruppe feiern. Du wirst Chemotherapie bekommen, deine Haare werden ausfallen, in deinem kleinen Körper werden Kämpfe ausgefochten. Und ich als deine Mama kann nichts tun, kann dir nichts abnehmen, den Kampf nicht für dich kämpfen. Ich wollte dich doch weiterhin mit viel Leichtigkeit und Vertrauen ins Leben begleiten.
Du möchtest nach Hause, weinst. Sagst der Ärztin, sie soll dich in Ruhe lassen und flehst mich an, dich zu retten. Das sind Momente, in denen mein Herz sich mit einem tiefen Schmerz und der innigen Liebe zu dir verbinden. Ich habe Angst dich zu verlieren!

Angstblitze

Angstblitze


Zweieinhalb Wochen sind nun seit der Diagnose vergangen. Die Chemotherapie schlägt gut an, die Ärzte sind zufrieden. Wir haben so etwas wie einen Tagesablauf in dieser Isolation gefunden. Durch die Einnahme von Cortison hat Jill Hunger, großen Hunger. Daher besteht ein ziemlich großer Teil unseres Tages aus Essen. Zwischendurch wird viel Tablet geschaut, gekuschelt und je nach Laune auch gespielt.
Ich werde scheinbar immer sicherer in dem, was ich hier tue: Mein schwer krankes Kind pflegen und betreuen. Ich motiviere Jill zum Schlucken ihrer Tabletten, spritze ihr selber Heparin wegen des Thromboserisikos und versuche ihr Bilder und Worte dafür zu geben, was gerade mit ihr geschieht.


Ich habe das Gefühl immer ein wenig mehr zu verstehen, was sich hinter dem Wort, der Diagnose Leukämie verbirgt. Ich komme mehr und mehr an in meinem neuen Metier.
„Läuft echt gut bei Ihnen Frau F.! Sie können sich wirklich auf die Schulter klopfen!“, würde ich einer potentiellen Klientin vielleicht im Beratungsgespräch rück melden. „Da haben Sie ja schon viel Sicherheit in der neuen und überwältigenden Situation gewinnen können.“


Dann sind da aber die Angstblitze: Sie schlagen ein ohne vorheriges Donnerwetter. Ich möchte am liebsten laut schreien.

Mein Kind stirbt. Mein Herz pocht, mein Körper spannt sich an, das Gedankenkarussel nimmt Fahrt auf : Was, wenn das der Anfang vom Ende ist? Ich werde an ihrem Sarg stehen, sie wird darin liegen. Sie wird sterben. Wenn nicht jetzt, dann danach.

Denn es werden weitere Krebserkrankungen folgen: Wir werden in Krankenhauszimmern dahinsiechen und sterben. Sie wird sterben und ich werde wahnsinnig werden, ihren Verlust nicht verkraften.


Man könnte meinen, diese Angstblitze würden mich hellsichtig machen. So klar habe ich bestimmte Szenarien vor Augen. Szenarien: Es ist nicht unsere Realität. Es ist meine Angst vor Krankheit, Tod und Verlust. Es ist ein Hoffen auf Etwas und ein Ablehnen von etwas Anderem.


Doch es ist, wie es ist. Ziemlich wertfrei und unaufgeregt.
Es ist, wie es ist. Ich atme ein und ich atme aus.

Die Welt steht still

Die Welt steht still

Meine Tochter ist krank

Es war ein bisschen wie im Film. Dort habe ich solche Momente als unbeteiligter Zuschauer schon öfter erlebt : Eine Ärztin setzt eine ernste Miene auf und verkündet eine schlimme Diagnose. Wie froh ist man dann, dass schlimme Diagnosen an andere Menschen herangetragen werden. Das änderte sich Mitte Februar 2020. Vor mir saß eine Kinderärztin, die an jenem Abend ihre Praxis im Bereitschaftsdienst geöffnet hatte. An mich wurde die Diagnose meiner dreijährigen Tochter herangetragen: Leukämie, Blutkrebs. Wir sollen kurz nach Hause um Taschen zupacken, dann ab in die Universitätskinderklinik. Wir würden dort schon erwartet.

Mein Kind hat Krebs

Mein Kind hat Krebs

Es ist absurd. Ich habe mir viele Gedanken über und um das Leben meiner Tochter gemacht, habe mir viele Varianten der Zukunft ausgemalt. Krebs war nie Bestandteil dessen. Warum auch? Das passiert nur anderen. Ganz klar. Oder eben doch nicht so klar.

In Deutschland erkranken im Jahr rund 600 Kinder an Blutkrebs. Meine Tochter ist nun eines davon.

Ich ärgere mich über meine Ignoranz und meine privilegierte Verdrängungstaktik.

Wie oft habe ich in meinem Leben Blut gespendet?

Kein einziges Mal.

Wie oft wollte ich einen Organspendeausweis ausfüllen?

Mehrfach geplant, nie umgesetzt.

Wie oft habe ich über Aufrufe zur Stammzellentypisierung hinweg gelesen?

Regelmäßig.

Das änderte sich schnell…

…denn plötzlich war meine Tochter betroffen.

Noch in den ersten Wochen nach Diagnose ließ ich mich als potentielle Stammzellenspenderin bei der DKMS registrieren.

Jill bekommt regelmäßig Blutkonserven oder Thrombozyten. Einfach so, denn diese Konserven sind vorhanden und für uns zugänglich. Die Selbstverständlichkeit in der Behandlung zu erfahren, macht mich immer noch demütig und dankbar.

  • Dankbar, weil es Menschen gibt, für die es selbstverständlich ist Blut zu spenden.
  • Dankbar, weil wir uneingeschränkten Zugang zu allen notwendigen Behandlungen haben, medizinisch Bestens betreut sind.
  • Dankbar, weil wir heute von jahrzehntelanger Forschung zur Therapie von Leukämie profitieren.